Perspektiven

Improvisation ist mehr als eine Notlösung

Improvisation: = to improve [engl.] = vervollkommnen | veredeln | optimieren

Schon immer habe ich Menschen beneidet, die in der Schule schon wussten, was sie zwanzig Jahre später machen werden… Und wenn sie Menschen gefunden haben, die diese Ideen mit ihnen gestalten und tragen, staune ich oft. Einmal wurde ich in einem Vorstellungsgespräch gefragt, ob ich ein Problem damit hätte, wenn der Job nur befristet sei. Meine Reaktion war tatsächlich Erleichterung. Auch wenn ich es wirklich bewundere, wenn andere Menschen einen gradlinigen Weg gehen, so ist es doch nicht meiner… Ich bin für viele Dinge zu begeistern und schaue gern hier und dort.

Wenn ich eine Autopanne habe und überlegen muss, wie es weitergeht, kribbelt es fast ein bisschen. Ich erinnere mich gern an diese Pannen, die ganz normalen Situationen eine besondere oder skurille Note verleihen. Auf meinen Reisen habe ich einige erlebt – aber auch direkt vor der Haustür. Da war zum Beispiel eine Goldene Hochzeit, die ich fotografisch begleitet habe. Die Suppe war bereit, die Gäste saßen auf ihren Plätzen, das Paar bereit für den klassischen Aufmarsch – aber die Musik fehlte. Und so sangen spontan alle Gäste miteinander und begleiteten damit das Goldpaar zu seinem Platz. Das war für alle ein besonderes Erlebnis. Etwa eine halbe Stunde später kam die (durchgeschwitzte) Alleinunterhalterin und baute ihr Equipment auf. Sie hatte den Termin falsch notiert und lag eigentlich gemütlich im Garten – nun kam sie angebraust und mit richtig viel Adrenalin im Blut auf die Bühne. Alle nahmen es mit Humor und es war eine tolle Party.

Forrest Gump hat gesagt: „Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel – man weiß nie, was man bekommt.“ So halte ich es. Ich bin sehr gerne damit beschäftigt, Pläne zu machen. Aber wenn sie dann nicht funktionieren, fängt das Leben erst richtig an. Dass das auch schmerzhaft sein kann, habe ich in vielen Situationen erfahren.
Eine meiner härtesten Prüfungen in meinem Leben war die Situation, als ich von jetzt auf gleich mit meinem Baby sitzen gelassen wurde. Sechs Wochen nach der Geburt. Mein Plan A war die glückliche Drei-Komponenten-Familie, die Sonntagmorgens am Gartentisch Rama auf ihr Hörnchen schmiert…

Aber es kam anders. Und das zu akzeptieren war eine richtig harte Nuss. Dafür musste ich ganz neue Bilder in meinem Kopf aufbauen. Denn die „normalen“ Bilder, die auch heute noch in fast allen Kinderbüchern zu finden sind, entsprachen nicht meiner eigenen Lebensrealität. Mit Imagination und Improvisation ist es mir gelungen, mein Leben so zu gestalten, dass ich glücklich und zufrieden damit bin. Wenn ich jetzt noch gut zeichnen könnte…

Als ich im Sommer 2018 das Impro-Theater kennenlernte, ging mein Herz auf eine neue Art und Weise auf: Den Mut aufzubringen, die Stimme tanzen zu lassen, die Akzeptanz des Unterwarteten und die Ehrlichkeit, (nicht) perfekt zu sein und daran selbst Spaß zu haben und auch noch andere Menschen zum Lachen zu bringen – das fühlt sich großartig an. Dieses Erlebnis hat mich auf vielen Ebenen besonders erfüllt. Improvisation ist viel mehr als eine Notlösung.

Improvisation bedeutet, etwas ohne Vorbereitung, aus dem Stegreif dar- oder herzustellen. Im allgemeinen Sprachgebrauch versteht man unter Improvisation auch den spontanen praktischen Gebrauch von Kreativität zur Lösung auftretender Probleme.

Die in der Ethnologie als „Wildes Denken“ bezeichneten Weltanschauungen der naturangepassten- und archaischen Kulturen basierte im Wesentlichen auf der Improvisation, indem Bruchstücke der Erfahrung zu einem „mythisch verzerrten Ganzen“ zusammengefügt wurden..

Quelle: www.wikipedia.de

An einem Tag im November – von Tür zu Tür im Lassaner Winkel…

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Kein Baum ist egal – mein Tag auf der Demo im Hambacher Forst

Mit gemischten Gefühlen habe ich mich an einem Freitag Anfang Oktober auf den Weg zum Hambacher Bürgewald gemacht… In Manheim, einem Ort ganz nah der Abbruchkante des Braunkohletagebaus, haben wir übernachtet. Die Häuser dort stehen inzwischen fast alle leer. Der ehemalige Sportplatz ist mit langem Gras überwuchert. Die Straßen sind (bis auf die Leute, die zur Demo angereist sind) wie leergefegt. Und ganz am Rand das „Hambi-Camp“. Am Infostand des Hambi-Camps begrüßten uns nette Leute, die Neuankömmlingen bei der Ankunft behilflich sind. Überall im Camp duftet es von morgens früh bis abends spät nach köstlichem Essen, das dort frisch zubereitet wird. Wer sich einbringen möchte, wird mit offenen Armen empfangen. Es gibt Komposttoiletten mit reichlich Ersatz-Klopapier und gespendeten Seifen und Tampons. Duschen gibt es auch. Alles ist provisorisch, aber sehr liebevoll gestaltet und eingerichtet. Die Leute dort sind gut organisiert und bekommen viel Unterstüzung, unter anderem in Form von Essens- und Sachspenden. Ein junger Mann zeigte uns den Weg zum Ersatzcamp, das eingerichtet werden musste, weil am Freitag bereits so viele Leute angereist sind. Meine Tochter und ich haben uns dann doch für die Übernachtung im Auto entschieden. Am Samstag um halb zwölft setzte sich dann ein langer Tross Richtung Kundgebungsgelände in Bewegung. Die Stimmung: Fröhlich, zuversichtlich, entschlossen. Für mich war es ein Wechselbad der Gefühle: Zwischen den leeren Häusern im Ort versuchte ich mir vorzustellen, wie es wohl sein mag, die Abbruchkante im Laufe der Jahrzehnte immer näher kommen zu sehen und nachts im Schlaf die Baggergeräusche zu hören, wenn ich denn nicht rechtzeitig (mit einer Abfindung von RWE) in einen anderen Ort gezogen bin… Ein Ort mit 1.500 Einwohnern – der wie viele andere vor ihm einfach geschluckt werden soll. Von einem Loch, das halb so groß ist wie Köln… Wir unterhielten uns mit einigen „Einheimischen“, die uns einen kleinen Einblick in die verzwickte Situation der Menschen vor Ort gaben. Sie erzählten uns unter anderem von Helfergehältern, die um die 25 Euro pro Stunde liegen und es damit den Menschen sehr schwer machen, aktiv gegen den Braunkohleabbau zu sein… Die Familien, die über Generationen dort tätig sind, erleben Konflikte, sobald sich jemand aus der jüngeren Generation dagegen stellt. „Für den Wald“ bedeutet für viele Leute dort „Gegen die Familie (-ntradition)“. Und auf der anderen Seite dann die vielen Menschen von überall, die sich alle miteinander über den vorläufigen Rodungsstopp und den riesigen Erfolg der gut besuchten Demo gefreut haben – und vor allem darüber, dass das alles ganz legal war. Eine halbe Stunde lang sind wir an parkenden Bussen entlang gegangen. So viele waren es. Der Menschenstrom hörte einach nicht auf. Auf dem Geände zwischendurch die Durchsage von der Bühne: 50.000 Menschen. Wahnsinn! Auch die Polizisten waren entspannt, jedenfalls dort, wo wir mit unserer Familiengruppe unterwegs waren. Es war anstrengend, den ganzen Tag durch eine Staubwolke und Menschenmassen zu laufen. Nicht nur für die Kinder. Der Wald und die Tiere bekommen nun hoffentlich ein bisschen Ruhe. Und meine Füße auch…

Mir ist heute nicht nach Fleisch.

An einem Septembermittag in einem Gasthof: Auf der Sonntagskarte gab es zur Auswahl zwei Suppen, etwa zehn Hauptgerichte, zwei Kinderteller und zwei Desserts. Die Hauptgerichte waren allesamt (Variationen von) Fleisch. Ich esse Fleisch, aber selten. Und heute wollte ich keines. Auf meine Nachfrage, ob es auch ein vegetarisches Hauptgericht gebe, antwortete die Kellnerin leicht augenrollend: „Das ist ja nur die Sonntagskarte, aber Sie können sonst auch Kroketten mit Gemüse und Sauce Hollandaise haben.“ Aha. Ok. Nicht so originell, wie die sonstige Karte, aber… ok. „Die Leute bestellen das auch nicht, das wird gar nicht nachgefragt!“ setzte sie noch hinterher. Und ich fragte, ob sie es sich vorstellen könne, dass es vielleicht doch bestellt werden würde, wenn es mit auf der Karte stehen würde… (Manche Menschen scheuen nämlich diese Nachfrage) Ich nahm dann also eine Kürbissuppe.

Ich sprach dann später die Chefin darauf an und fragte augenzwinkernd, ob ich für den Fall, dass ich gern vegetarisch ohne „Extrawurst“ oder Sonderbestellung essen möchte, wiederkommen kann… Sie verstand, was ich meine und bedankte sich für die Kritik. Sie werde das anregen. Vermutlich habe der Koch beim Schreiben der Karte das einfach nicht bedacht. Wer Fleischesser ist, denkt nicht automatisch vegetarisch. Das verstehe ich. Also dass einem so etwas durchrutschen kann, das verstehe ich. Ich trinke meinen Kaffee schwarz und habe deshalb auch fast nie Milch im Haus.

Also ich rede ja nicht davon, Fleischessern verbieten zu wollen, Fleisch zu essen… Aber ich wünsche mir schon, dass ein/e Vegetarier/in (noch schöner wäre ja ein/e Veganer/in) überall einfach so etwas wie „Nummer XY von der Karte“ (vielleicht sogar aus zwei verschiedenen Gerichten auswählen und) bestellen kann, ohne eine Extrawurst gebraten zu bekommen. Denn das macht ja diese Leute auch so „anstrengend“: Immer wollen die etwas Besonderes. Dabei ist es doch gar nicht besonders, kein Fleisch zu essen. Es ist für viele Menschen total normal. Und auch wenn sie doch nicht vollständig Vegetarier sind oder vegan leben, vielleicht ist ihnen an einem Sonntag gerade nicht danach – so wie mir heute. Oder sie hatten gerade einen Herzinfarkt und der Arzt hat zu bewussterem Essen gemahnt… Ich finde, indem es nicht angeboten wird, werden diejenigen, die kein Fleisch essen möchten, in so eine merkwürdige Sonderrolle gedrückt. Also in diese Rolle der Leute, die immer etwas haben wollen, was nicht auf der Karte steht.

Mir geht es übrigens nicht um meinen persönlichen Geschmack oder mein persönliches Vergnügen, sondern wenn ich nachfrage, meine das als Feedback und auch als Denkangebot. Genauso wie ich immer wieder mal in Restaurants nach glutenfreiem Brot frage. Mich interessiert, wie damit umgegangen wird. In Schottland ist das übrigens ganz normal. Da gibt es sogar glutenfreie Pizza auf der Karte. Deutschland hängt da noch sehr hinterher. Nicht nur mit dem Angebot, sondern auch mit der Akzeptanz und dem Willen, solche Leute zu bedienen. Als ich vor vielen Jahren noch in der Gastro gearbeitet habe, hatte ich eine einzige Kundin, die kein Gluten essen durfte. Aber sie hat noch nicht einmal nach Alternativen gefragt, sondern sich darauf eingestellt, dass sie den anderen Leuten beim Essen zuschaut. Weil ich mich damit auskannte, habe ich ihr dann statt Brot Gemüsesticks gebracht… Und in der Küche eine glutenfreie Alternative. Die Frau war darüber sehr erfreut und happy. Nicht weil sie verhungert wäre, sondern weil sie ernst genommen wurde und ich ihr nicht suggeriert habe, dass sie sich nicht so anstellen soll, wie es sonst üblich ist…

Ich finde es schön, wenn VegetarierInnen auch Fleischessenden Menschen sagen können, dass sie auf Fleisch verzichten. Ohne dass das mit Augenrollen oder blöden Witzen à la „Weltverbesserer“ quittiert wird. Wo kommen wir denn hin, wenn wir nur noch akzeptiert werden, wenn wir genauso denken (und Fleisch essen), wie die anderen?

 

Hund im Training – ich mein’s ernst.

Gerade begegnete ich bei meiner Gassi-Runde mit meiner kleinen Hündin zwei Frauen, die mit einem sehr großen, puscheligen (durchaus freundlich wirkenden) Hund unterwegs waren. Sie leinten ihren Hund an, als sie uns kommen sahen. Kurz bevor wir aneinander vorbei gingen, versuchte der andere Hund, sich meinem Hund zu nähern, doch ich wich ihnen etwas aus und sagte: „Nein, bitte nicht.“ Die Hundehalterin bettelte: „Doch, bitte, einmal kurz muss er das haben…“ und ließ die Leine ihres Hundes locker. Ich entgegnete: „Nein, das darf jetzt nicht sein!“ Und sie, ein wenig entgeistert und verständnislos: „WARUM???“ Ich zog meinen Hund an dem Geschirr ganz nah zu mir und antwortete kurz und knapp: „Hund im Training!“ (so, wie ich es von meinen Hundetrainerinnen gelernt habe)
„Achsoooo!“ Und der Gesichtsausdruck beider Frauen wechselte von angestrengter und verständnisloser Mine in ein anerkennendes Lächeln mit wohlwollendem Nicken. Wir drehten uns beim Weitergehen alle noch einmal um und nickten uns freundlich zu.
„Hund im Training“ ist also das Zauberwort. So einfach, so klar. Anerkennung und Verständnis sofort. Ich fühlte mich plötzlich irgendwie erwachsen. Ein bisschen wie eine Respektsperson. Während ich so weitergehe, sinniere ich darüber nach, wie oft ich als Mutter eines Kindes in mancher Situation den Respekt anderer Menschen vermisse. Ich lasse also einige Situationen, die ich mit meinem Kind und anderen Menschen erlebt habe, Revue passieren: Süßigkeiten, ungefragt Essen in den Mund schieben oder die Nase streicheln oder zwicken. So ähnlich wie das ungefragte über den Bauch streicheln, als ich noch schwanger war. Ich spiele in Gedanken die Süßigkeiten-Verführung von anderen Menschen (in der Apotheke, auf Flohmärkten, beim Kinderturnen) durch… Oder auch die „Nun-Lass-Sie-Doch-Sprüche“, durch den Kopf gehen. Auf jedes „Nein!“ „Ich möchte das nicht!“ „Sie soll das nicht!“ bekam ich oft ebenso entgeisterte Reaktionen wie die der zwei Frauen mit dem großen, puscheligen Hund.
„Sei doch nicht so hart!“ „Stell dich nicht so an!“ oder „Du wirst dein Kind auch nicht ewig vor allem beschützen können!“ lautete oft die Antwort. Und jetzt, wo ich spontan die Erfahrung gemacht habe, dass es so einfach sein kann mit dem Respekt und der Akzeptanz, frage ich mich: Wie müsste denn der Satz lauten, damit Menschen verstehen, dass ich als Mutter einfach nur möchte, dass Menschen meinem Kind nicht in ins Gesicht fassen, während es im Kinderwagen schläft oder ich Süßigkeiten der fremden Apothekerin für mein (Klein-) Kind (im Moment) nicht möchte? Wie mache ich (mit nur einem Satz) klar, dass ich das Verhalten anderer Menschen gerade (z.B: dem Lernverhalten meines Kindes gegenüber) nicht als nützlich empfinde?

Was ich mich am Muttertag so frage…

Warum denken die Leute eigentlich, dass sie Mütter unterstützen, indem sie ihnen die Kinder durch immer mehr und frühere Kinderbetreuung (-Bespaßung) und Schulpflicht „wegnehmen“? Wäre es nicht schön, Mütter so zu unterstützen (zum Beispiel im Haushalt oder finanziell), dass sie (auch mal) mehr Qualitätszeit mit ihren Kindern verbringen könnten? Bei Hundewelpen versteht es jeder. Bei Menschenkindern irgendwie nicht…