Fotografie

„Müsset im Naturbetrachten immer eins wie alles achten –
nichts ist innen, nichts ist außen, denn was innen ist, ist außen…“

Manche Menschen scheinen gefangen in ihren eigenen oder erlernten Bewertungsräumen. „Bitte nicht meine große Nase fotografieren!“ oder „Heute nicht, meine Haare liegen gar nicht!“ Meine Überzeugung ist, dass jeder Mensch seine ganz persönliche positive Ausstrahlung hat – es braucht nur etwas Mut! Wenn Menschen sich trauen, sich zu zeigen, entstehen nicht nur schöne Fotos, sondern es gelingt oft auch, alte Glaubenssätze und Überzeugungen zu hinterfragen. Was mich dann besonders berührt, sind die Momente, in denen Menschen beim Betrachten ihrer Fotos feststellen: „So schön habe ich mich noch nie gesehen!“ Fotografie ist Prozessbegleitung – und eine Sache der (inneren) Einstellung.

An einem Tag im November – von Tür zu Tür im Lassaner Winkel…

Kein Baum ist egal – mit 50.000 Menschen für eine enkeltaugliche Zukunft…

Mit gemischten Gefühlen habe ich mich an einem Freitag Anfang Oktober auf den Weg zum Hambacher Bürgewald gemacht… In Manheim, einem Ort ganz nah der Abbruchkante des Braunkohletagebaus, haben wir übernachtet. Die Häuser dort stehen inzwischen fast alle leer. Der ehemalige Sportplatz ist mit langem Gras überwuchert. Die Straßen sind (bis auf die Leute, die zur Demo angereist sind) wie leergefegt. Und ganz am Rand das „Hambi-Camp“. Am Infostand des Hambi-Camps begrüßten uns nette Leute, die Neuankömmlingen bei der Ankunft behilflich sind. Überall im Camp duftet es von morgens früh bis abends spät nach köstlichem Essen, das dort frisch zubereitet wird. Wer sich einbringen möchte, wird mit offenen Armen empfangen. Es gibt Komposttoiletten mit reichlich Ersatz-Klopapier und gespendeten Seifen und Tampons. Duschen gibt es auch. Alles ist provisorisch, aber sehr liebevoll gestaltet und eingerichtet. Die Leute dort sind gut organisiert und bekommen viel Unterstüzung, unter anderem in Form von Essens- und Sachspenden. Ein junger Mann zeigte uns den Weg zum Ersatzcamp, das eingerichtet werden musste, weil am Freitag bereits so viele Leute angereist sind. Meine Tochter und ich haben uns dann doch für die Übernachtung im Auto entschieden. Am Samstag um halb zwölft setzte sich dann ein langer Tross Richtung Kundgebungsgelände in Bewegung. Die Stimmung: Fröhlich, zuversichtlich, entschlossen. Für mich war es ein Wechselbad der Gefühle: Zwischen den leeren Häusern im Ort versuchte ich mir vorzustellen, wie es wohl sein mag, die Abbruchkante im Laufe der Jahrzehnte immer näher kommen zu sehen und nachts im Schlaf die Baggergeräusche zu hören, wenn ich denn nicht rechtzeitig (mit einer Abfindung von RWE) in einen anderen Ort gezogen bin… Ein Ort mit 1.500 Einwohnern – der wie viele andere vor ihm einfach geschluckt werden soll. Von einem Loch, das halb so groß ist wie Köln… Wir unterhielten uns mit einigen „Einheimischen“, die uns einen kleinen Einblick in die verzwickte Situation der Menschen vor Ort gaben. Sie erzählten uns unter anderem von Helfergehältern, die um die 25 Euro pro Stunde liegen und es damit den Menschen sehr schwer machen, aktiv gegen den Braunkohleabbau zu sein… Die Familien, die über Generationen dort tätig sind, erleben Konflikte, sobald sich jemand aus der jüngeren Generation dagegen stellt. „Für den Wald“ bedeutet für viele Leute dort „Gegen die Familie (-ntradition)“. Und auf der anderen Seite dann die vielen Menschen von überall, die sich alle miteinander über den vorläufigen Rodungsstopp und den riesigen Erfolg der gut besuchten Demo gefreut haben – und vor allem darüber, dass das alles ganz legal war. Eine halbe Stunde lang sind wir an parkenden Bussen entlang gegangen. So viele waren es. Der Menschenstrom hörte einach nicht auf. Auf dem Geände zwischendurch die Durchsage von der Bühne: 50.000 Menschen. Wahnsinn! Auch die Polizisten waren entspannt, jedenfalls dort, wo wir mit unserer Familiengruppe unterwegs waren. Es war anstrengend, den ganzen Tag durch eine Staubwolke und Menschenmassen zu laufen. Nicht nur für die Kinder. Der Wald und die Tiere bekommen nun hoffentlich ein bisschen Ruhe. Und meine Füße auch…